Technisches

Inhalt

In diesem Artikel wird erläutert, für welche technischen Lösungen bzw. technische Architektur sich das Projekt entschieden hat und warum.

Um die im Whitepaper genannten Ziele zu erreichen (Internalisierung externer Kosten), möchte das Viridian-Projekt ein soziales Netzwerk entwickeln, mit dem die Nachhaltigkeit von Produkten und Unternehmen bewertet und verglichen werden kann. Die Bewertungen können zunächst die Transparenz für bewussten nachhaltigen Konsum erhöhen. Später könnten dann die wahren Preise der Produkte abgebildet werden (siehe Timeline).

Es wird erklärt, wie das Netzwerk konkret funktionieren soll und wie die Datenstruktur aussehen muss. Die Bewertung soll nicht von einer geschlossenen Gruppe, sondern gemeinschaftlich von allen Usern vorgenommen werden. Außerdem soll das Netzwerk dezentral organisiert sein. Um das Netzwerk vor Manipulation zu schützen soll ein “Distributed Ledger”, also eine Blockchain zum Einsatz kommen.

Zunächst folgt ein Überblick über den zeitlichen Ablauf des Viridian-Projekts und ein Vergleich von Viridian mit bestehenden anderen Projekten, was diesen Plattformen fehlt, bzw. wie Viridian diese ergänzt.

Timeline

Das Projekt besteht aus mehreren Phasen, von denen die erste abgeschlossen und die zweite weitgehend abgeschlossen ist. Aktuell beginnt Phase 3, in der die Überlegungen in die Implementierung eines ersten Prototyps einfließen.

  • In Phase 1 wurden konzeptionelle Ideen gesammelt. Vor allem wurde die Idee von der Transition zu einer nachhaltigen postfossilen Wirtschaft mit dem Konzept von alternativen Währungen und Kryptowährungen verknüpft. Zusammen mit dem Konzept von externen Kosten und dem erweiterten Marktmodell, bei dem diese eingepreist sind, entstand das Viridian-Projekt. Das Ergebnis war das konzeptionelle Whitepaper.

  • In Phase 2 wurden die eher abstrakten Ideen in möglichst konkrete Überlegungen zur technischen Architektur des Systems übersetzt. Es wurde klar, dass der erste Schritt die Entwicklung einer Plattform, bzw. eines sozialen Netzwerks sein muss. Das Ergebnis von Phase 2 ist dieser Artikel.

  • In Phase 3 soll nach Festlegung der Design-Entscheidungen ein erster Prototyp implementiert werden, der die wesentlichen Funktionen enthalten soll: das kollaborative Bearbeiten von Nachhaltigkeitsbewertungen durch User auf einem dezentral organisierten Blockchain-Netzwerk. Phase 3 besteht aus den folgenden Meilensteinen:

    1. Programmierung des Backends (u.a. Lesen/Schreiben von Daten, Validierungsregeln)
    2. Entwicklung einer geeigneten Netzwerkkonfiguration mit mehreren Knoten
    3. Durchführung eines User-Workshops für Feedback zum Frontend-Konzept
    4. Entwicklung eines ersten Prototypen des Frontends zur Darstellung und Bearbeitung der Inhalte

  • In Phase 4 kann an der automatisierten Integration von Daten aus anderen Plattformen und Datenbanken gearbeitet werden (u.a. die im Vergleich aufgeführten). Außerdem kann die Plattform weiterentwickelt und nutzerfreundlicher gemacht werden. Mittelfristig sollte auch eine Lösung gefunden werden, wie die Identität der User automatisiert geprüft werden kann, ohne dass der Datenschutz dabei zu kurz kommt. Mehr dazu hier.

  • In Phase 5 kann ein Algorithmus entwickelt werden, der aus den Bewertungen der User alternative Preise errechnet, die möglichst die beinhalteten externen Kosten widerspiegeln. Hier ist es wichtig, dass die User diesem Prozess vertrauen und zustimmen (Transparenz!), bzw. ihn sogar selbst mit beeinflussen. Wenn die User ihre Bewertungen abgeben, sollten sie sehen können, welche monetären Auswirkungen diese haben. Dann kann sich jede(r) überlegen, wie viel ihm/ihr persönlich die Nachhaltigkeit wert ist.

  • In Phase 6 können die in Phase 5 errechneten Preise tatsächlich angewendet werden. Denkbar ist dann die Schaffung einer digitalen Währung, evtl. auch Kryptowährung, die die Preise automatisch anpasst. Eine Alternative wäre ein Bezahlsystem, das die konventionelle Währung verwendet, aber entsprechend der berechneten externen Kosten einen Teil des Kaufpreises abführt und in einen Fonds einzahlt bzw. ggf. aus diesem auszahlt.

Vergleich mit alternativen Plattformen

Ziel von Viridian ist es, eine Plattform zu entwickeln, mit der Informationen dezentral erfasst werden können, um die Nachhaltigkeitsleistung von Produkten zu bewerten und zu vergleichen. Dies kann die Grundlage für eine nachhaltige Wirtschaft bilden.

Es gibt andere Initiativen, die verschiedene Konzepte oder Prinzipien von Viridian teilen. Im Folgenden werden drei Beispiele für solche Initiativen gegeben, einschließlich einer kurzen Beschreibung, wie diese Initiativen aussehen oder von Viridian abweichen.

Questionmark

Questionmark zielt darauf ab, eine unabhängige Plattform zu entwickeln, die die Verbraucher*innen über die Ernährungs- und Nachhaltigkeitsaspekte von Lebensmittelprodukten informiert. Es enthält eine große Datenbank mit über 50.000 Produktgütezeichen. Questionmark arbeitet mit verschiedenen Partnern zusammen, um wissenschaftliche Unterstützung, Zuverlässigkeit der Daten, Richtlinien für gesunde Ernährung, Messung der Nachhaltigkeit von Verbraucherprodukten und Dialog mit Stakeholdern zu gewährleisten.

Vorteile:

  • Große Produktdatenbank
  • Entwickelte App zum Scannen von Barcodes
  • Bietet Bewertungen zu Produkten und zeigt Alternativen auf, einschließlich derer, wo diese erworben werden können

Nachteile:

  • Zentrale Plattform
  • Begrenzte interaktive Community-basierte Beteiligung
  • Eingeschränkte Bewertung der Nachhaltigkeit (der bestehende vereinfachte Ansatz zur Bewertung der Nachhaltigkeit von Produkten wird derzeit weiterentwickelt, um eine bessere wissenschaftliche Grundlage zu schaffen)
  • Nur Lebensmittelprodukte abgedeckt

WikiRate

WikiRate ist ein offenes und kollaboratives Tool, mit dem Auswirkungen von Unternehmen auf Umwelt und Gesellschaft (“Corporate Social Responsibility”, CSR) sichtbar gemacht werden sollen. Das Ziel von WikiRate ist es, Unternehmen dabei zu unterstützen, sich mit Umwelt-, Sozial- und Governance-Anliegen zu befassen, durch Crowd-basiertes Sammeln von Informationen, umfassende Datenstrukturierung sowie durch die Entwicklung standardisierter Metriken, mit denen die Leistung von Unternehmen bewertet werden kann. Die Entwicklung von WikiRate wird von der Europäischen Kommission unterstützt.

Vorteile:

  • Größte öffentlich zugängliche und editierbare Datenbank für Unternehmensinformationen in Bezug auf die Ziele der Nachhaltigkeitsentwicklung, Lieferketten und bestehende gesetzliche Rahmenbedingungen
  • Daten zu >30.000 Unternehmen. Hat viele Umwelt- und Sozialkennzahlen, die von Usern beigetragen wurden.

Nachteile:

  • Keine Produktdaten
  • Daten werden nicht in Unternehmensleistungswerten zusammengefasst

Kompass Nachhaltigkeit

Die Plattform “Kompass Nachhaltigkeit” bietet vielfältige Informationen zur nachhaltigen öffentlichen Beschaffung. Zu den auf der Plattform enthaltenen Informationen gehören Nachhaltigkeitsstandards und -zertifizierungssysteme, gekennzeichnete Produkte, Gesetze und gesetzliche Rahmenbedingungen auf Bundes- und Länderebene sowie Informationen zu bewährten Verfahren, Richtlinien und Verordnungen. Der Kompass Nachhaltigkeit ist ein Kooperationsprojekt von GIZ (Deutsche Gesellschaft für internationale Zusammenarbeit) und Engagement Global. Seine Entwicklung wird vom Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung unterstützt.

Vorteile:

  • Detaillierte Informationen zu Gütezeichen, einschließlich einer Vielzahl von Nachhaltigkeitskriterien
  • Viele Produktgruppen werden abgedeckt
  • Interaktive Karte mit regionalen und lokalen Initiativen
  • Umfassende Datensammlung zur Förderung nachhaltiger Beschaffungsprozesse

Nachteile:

  • Gütezeichen auf der Plattform decken nicht das gesamte Spektrum nachhaltiger Produktion ab (z. B. keine Lebensmittelgütezeichen, keine Klimakriterien)
  • Hauptsächlich informativ mit eingeschränkter Benutzerinteraktivität
  • Plattform noch in der Entwicklung

Fazit

Obwohl viele der identifizierten Initiativen einige der Hauptmerkmale von Viridian aufweisen – wie kollektive Intelligenz und Bewertung der Nachhaltigkeit von Produkten und dezentrales Datenbankmanagement – war keine dieser Initiativen bisher in der Lage, diese Merkmale in einem einzigen Produkt zu kombinieren. Viridian kann so eine wichtige Lücke in der Landschaft einer nachhaltigen Wirtschaft schließen, indem es eine unabhängige, interaktive und zuverlässige Plattform für alle bietet, die fundierte Verbraucherentscheidungen basierend auf der Nachhaltigkeitsleistung von Produkten treffen möchten. Viele Daten existierender Plattformen können dabei integriert werden und Viridian ergänzen.

Wie soll das Netzwerk funktionieren?

Anhand der geplanten Struktur der Datenbank soll hier die technische Funktionalität des Viridian-Netzwerks erklärt werden. Im Zentrum stehen die Produkte, um deren Bewertungen es geht. Weitere wichtige Elemente sind die Unternehmen, von denen die Produkte hergestellt bzw. angeboten werden. Als dritte Ebene gibt es Gütezeichen oder Siegel, die meist Produkte, seltener auch Unternehmen, zertifizieren. Um diese drei Elemente sind alle Informationen angeordnet, die durch Bewertungen mit dem Produkt/Unternehmen/Gütezeichen verknüpft werden. Die User können alle diese Elemente selbst erstellen und bearbeiten und können sich entweder vorhandenen Bewertungen anschließen oder eigene erstellen. Über einen Peer-Review-Prozess werden ein gewisser Schutz vor Vandalismus (Stichwort Internet-Trolle) und Qualitätsmanagement gewährleistet.

Der folgende Abschnitt erklärt die Prinzipien im Detail mit Hilfe eines Graphen.

Datenbankschema als Graph

Eine hilfreiche Darstellung des Datenbankschemas ist die in Form eines Graphen:

Datenbankschema als Graph

Legende:

  • Rote dicke Linie = Erstellung eines Elements
  • Blaue dicke Linie = Up-/Downvote auf Bewertung
  • Schwarze dicke Linie = sonstiges Up-/Downvote bzw. Entscheidung im Peer-Review

Elemente

Die Dreiteilung in Produkte (rosa), Unternehmen (orange) und Gütezeichen/Siegel/Labels (türkis) spiegelt sich auch in den Daten zur Nachhaltigkeit. Üblicherweise bezieht sich jede Datenquelle entweder auf Produkte (bspw. Lebenszyklusanalysen (LCA) oder Informationen zu den Inhaltsstoffen eines Produkts) oder auf Unternehmen (bspw. Berichte zur Corporate Social Responsibility (CSR) oder Studien von Dritten) oder auf Gütezeichen. Auch vorhandene Plattformen mit Nachhaltigkeitsdaten (siehe Vergleich) lassen sich meist in eine der drei Kategorien einteilen: es gibt Produktdatenbanken wie Questionmark oder OpenFoodFacts, Unternehmensdatenbanken wie WikiRate oder Rank a Brand und Siegeldatenbanken wie Kompass Nachhaltigkeit und Label online. Deren Daten könnten später evtl. eingebunden werden (siehe Timeline).

Um die Produkte, Unternehmen und Gütezeichen herum gruppieren sich Informationen (im Graph verschiedene Farben: gelb, grün, petrol, ocker, …). Außerdem gibt es Verbindungen zwischen Unternehmen (die Produkte herstellen) und ihren Produkten sowie zwischen Gütezeichen und Produkten. Die Bewertung von Unternehmen und Gütezeichen fließt also in die Bewertung eines Produkts mit ein.

Informationen sind zunächst einmal nur wertfreie Fakten über ein Produkt/Unternehmen/Gütezeichen und sollten mit einer oder mehreren verifizierbaren Quellen versehen sein. Jede Informationen kann und sollte aber zu einer Bewertung führen. Die Bewertung (im Graphen rot) ist quasi die Einordnung der Information auf einer ethischen Werteskala. Dafür erstellt ein User (im Graphen blau) eine neue Bewertung und ordnet die Information nach eigenem Ermessen auf einer Skala ein. Andere User können sich dieser Bewertung anschließen, indem sie sie positiv markieren (+1, “upvote”). Wenn sie anderer Meinung sind, können sie sie negativ markieren (-1, “downvote”) und eine alternative eigene Bewertung erstellen.

Außerdem können User Kommentare (im Graphen grau) zu Informationen anlegen, in denen sie z.B. erläutern, warum sie diese Information besonders wichtig oder gar nicht wichtig finden. Im Kommentar kann auch eine bestimmte Bewertung begründet werden.

User bestimmen die Relevanz durch Upvotes und Downvotes

User können nicht nur Bewertungen mit +1/-1 markieren (Upvote und Downvote), sondern auch Informationen. Die Summe dieser Markierungen ergibt einen Gradmesser der Relevanz für die Gesamtheit der User. Entsprechend dieser Relevanz werden die Informationen auf der Produktprofilseite standardmäßig sortiert, sodass die für die meisten User relevanten Informationen ganz oben erscheinen. Bei den Bewertungen hat die Relevanz eine besondere Bedeutung: Sie entspricht dem Gewicht, mit dem diese Bewertung in die Gesamtbewertung eingeht. Das arithmetische Mittel aller Bewertungen von alles Usern, jeweils gewichtet mit der Bilanz der +1/-1-Markierungen, ergibt die Gesamtbewertung des Produkts/Unternehmens/Gütezeichens.

Die Möglichkeit, sich existierenden Bewertungen anschließen zu können, könnte als eine gewisse Form von Liquid Democracy im Sinne eines Antwort-Empfehlungs-Systems (“answer recommendation”, siehe hier und hier) angesehen werden. Jedoch würde eine wirkliche Liquid Democracy bedeuten, dass man die Antwortempfehlungen (also hier Bewertungen) zu einem bestimmten Thema (Produktkategorie?) von einer bestimmten Person abonniert, was hier nicht vorgesehen ist.

Peer-Review

Eine weitere wichtige Komponente des Viridian-Netzwerks ist der Peer-Review-Prozess (PR). Um Missbrauch und Vandalismus (z.B. durch “Trolle”) vorzubeugen, sollen die User neue Inhalte gegenprüfen. Zum Beispiel könnte gefordert werden, dass neu eingestellte Produkte/Unternehmen/Gütezeichen oder Informationen zunächst von einer bestimmten Anzahl User bestätigt werden müssen, um sichtbar zu werden. Im PR sollen die User prüfen, ob bestimmte Regeln eingehalten wurden. Informationen sollten etwa immer verifizierbare Quellen aufweisen und ohne nicht veröffentlich werden. Je nach Anzahl und Aktivität der User könnte man die Anfrage zum PR z.B. fünf zufällig ausgewählten Usern (zufällig ist wichtig, um Absprachen zu vermeiden) zuschicken, von denen mindestens drei bestätigen müssen, bis der Inhalt freigeschaltet wird.

Den PR-Prozess bei allen Inhalten zu fordern, etwa auch bei Kommentaren und Bewertungen, könnte die Plattform zu träge machen und die User mit PR-Anfragen überlasten. Es könnte aber z.B. bei Kommentaren die Möglichkeit geben, sie nach der Veröffentlichung als ungeeignet zu markieren. Erst dann wird ein PR angestoßen und der Kommentar wird entfernt, wenn genug User zustimmen.

Auch mit PR können Inhalte natürlich fehlerhaft sein oder schlichtweg veraltet. Deshalb sollte es für User die Möglichkeit geben, die Bearbeitung oder Löschung von Inhalten beantragen. In einem weiteren PR-Prozess wird dann darüber entschieden.

Es bleibt abzuwarten, wie reibungslos die Plattform mit den PR-Mechanismen funktoniert. Bei zu wenig Beteiligung der User oder zu viel Missbrauch müssen die Regeln angepasst oder verändert werden. Es sollte auch Mechanismen geben, die bei ausbleibender Antwort eines Users die PR-Anfrage an einen anderen zufällig ausgewählten User weitergibt. Reagiert ein User mehrfach nicht auf PR-Anfragen, sollte die Wahrscheinlichkeit, dass er/sie für ein PR ausgewählt wird, sinken. Auch hier muss ein guter Kompromiss und eine Balance zwischen Resilienz und Effizienz gefunden werden.

Gamification

Jede Aktivität eines Users könnte seine Reputation im Netzwerks beeinflussen. Dadurch könnten User, die eine Information beisteuern oder an einem Peer-Review teilnehmen, durch Reputationspunkte belohnt werden. Auf der Reputation aufbauend könnten Gamification-Elemente die User anspornen. Zum Beispiel könnten bei einem bestimmten Punktestand Medaillen verliehen werden oder Auszeichnungen für bestimmte Tätigkeiten, z.B. für die erste beigetragene Information oder das erste Peer-Review.

Die Bewertungsskala

Für die Nachhaltigkeitsbewertung ist es sinnvoll, verschiedene Dimensionen der Nachhaltigkeit zu unterscheiden. Eine mögliche Einteilung ist:

  • Umwelt: beinhaltet Luftverschmutzung, Wasserverschmutzung, Bodenverschmutzung, Abfall, in die Umwelt entlassene schädliche Substanzen (ohne Treibhaushase), …
  • Klima: Treibhausgase und andere klimarelevante Handlungen wie veränderte Landnutzung, …
  • Gesellschaft: Arbeitsbedingungen, fairer Lohn, Kinderarbeit, Gleichstellung, Umgang mit den Lieferanten, Einfluss auf Gesellschaft z.B. über gemeinnützige Projekte, …
  • Gesundheit: gemeint ist Einfluss auf die Gesundheit der Verbraucher*innen, z.B. Gehalt von Zucker und Fett in Lebensmitteln oder toxische Substanzen in Textilien und Spielzeug
  • Tierwohl: wenn Tiere an der Produktion beteiligt waren, wurden sie mit angemessenem Respekt behandelt? Können sie ein angenehmes, gesundes Leben führen?
  • Ökonomie: aus Verbraucherperspektive, im Sinne von ‘Preis-/Leistungsverhältnis’, z.B.: Wie langlebig ist das Produkt?

Eine Nachhaltigkeitsbewertung kann in jeder dieser Dimensionen mit einer Zahl auf einer Skala von -100 (besonders schlecht, Farbe rot) über 0 (durchschnittlich, Farbe gelb) bis +100 (besonders gut, Farbe grün) bewertet werden. Falls gewünscht, können diese Zahlen sehr einfach in Schulnoten nach dem deutschen System (1 bis 6) oder dem amerikanischen System (A bis F) umgerechnet werden.

Eine Information wird üblicherweise nur einen Teil der Dimensionen betreffen. Die übrigen Dimensionen werden dann auf NULL gesetzt (oder im JSON-Dokument einfach weggelassen) werden, sodass sie nicht in die Gesamtbewertung, also das gewichtete arithmetische Mittel aller Bewertungen, eingehen.

Zwar kann man leicht eine Gesamtbewertung erstellen, die noch alle Dimensionen enthält, indem man für jede Dimension einzeln über alle Bewertungen mittelt. Eine viel schwierigere und kritischere Aufgabe ist es, die einzelnen Dimensionen auf eine einzelne Skala zu projizieren, also zu einer einzigen Zahl zusammenzufassen (Stichwort “multikriterielle Analyse”). Hierfür gibt es eigentlich keine sinnvolle objektive Lösung, bzw. ist diese nur unter extremem Aufwand zu finden. Jede(r) Einzelne wird andere Präferenzen setzen. Daher ist es denkbar, dass jeder User ihre/seine Präferenzen selbst festlegt, nach denen dann die verschiedenen Dimensionen zu einer Zahl zusammengefasst werden. Die Zusammenfassung in einer einzigen Skala macht die Vergleichbarkeit von Produkten sehr viel leichter und ist daher wichtig. Jeder User wird dann also auf Basis ihrer/seiner Präferenzen eine andere zusammengefasste Bewertung angezeigt bekommen und auch andere Vorschläge für Produkte mit besseren Bewertungen erhalten.

Datenbankschema in JSON

Da eine dokumentbasierte Datenbank mit JSON verwendet werden soll, muss das Datenbankschema in JSON forumliert werden. Der aktuelle Stand (im Moment noch unvollständig) kann unter https://github.com/viridian-project/database-schema/tree/master/asJSON angesehen werden.

Hier als Beispiel ein JSON-Dokument für ein Produkt:

{
  "data": {
    "id": "61b744a3-7f5d-4500-8c59-959913762ecd",
    "gtin": "7612100055557",
    "createdBy": "user123",
    "createdAt": "2018-12-24 12:11:54 UTC",
    "updatedBy": "user123",
    "updatedAt": "2018-02-10 18:33:39 UTC",
    "producer": "Wander AG",
    "containedProducts": [],
    "labels": [
      {"id": "H2892sKSksksdkwops9", "name": {"de": "UTZ zertifiziert", "en": "UTZ certified"}}
    ],
    "locale": [
      {
        "lang": "de",
        "name": "Ovomaltine crunchy cream — 400 g",
        "price": "4.99",
        "currency": "€",
        "description": "Brotaufstrich mit malzhaltigem Getränkepulver Ovomaltine",
        "quantity": "400 g",
        "ingredients": "33% malzhaltiges Getränkepulver: Ovomaltine (Gerstenmalzextrakt, kondensierte Magermilch, kondensiertes Milchserum, fettarmer Kakao, Zucker, Fruktose, Magnesiumcarbonat, Calciumphosphat, Rapsöl, Vitamine [A, E, B1, B2, Pantothensäure, B6, Folsäure, B12, C, Biotin, Niacin], Kochsalz, Aroma Vanillin), Zucker, Pflanzenöle (Raps- und Palmöl), 2.6% Haselnüsse, Calciumphosphat, fettarmer Kakao, Emulgator Sonnenblumenlecithin, Aroma Vanillin.",
        "packaging": ["Glas", "Plastik"],
        "categories": ["Brotaufstriche", "Frühstück", "Nougatcremes"],
        "image": "products/1/de_1.png",
        "productUrl": "http://www.ovomaltine.de/produkte/ovomaltine-crunchy-cream-1/"
      }
    ]
  },
  "signature": "0x1f62a52c86fe9021b2834cd838392ed0192991a3",
  "score": {"environment": -34,
            "climate": -46,
            "society": -7,
            "health": -78,
            "economy": 21},
  "status": "active"
}

Warum gemeinschaftlich?

Das Viridian-Projekt glaubt an das “Wikipedia-Prinzip”, dass Resultate durch Beteiligung vieler besser und nicht schlechter werden. Es geht also um die Nutzung kollektiver Intelligenz oder eine Demokratisierung von Information.

Natürlich ist der kollaborative Ansatz nicht perfekt und hat mit einigen Problemen zu kämpfen, z.B. Versuche der Einflussnahme oder mangelnde Qualität. Der Erfolg des Projekts Wikipedia zeigt aber, dass das Prinzip letztlich funktioniert und sich gute Qualität am Ende auch bei vollkommen offener gemeinschaftlicher Redaktion durchsetzt. Auf lange Sicht können Projekte wie Wikipedia sogar kommerzielle, proprietäre Lösungen übertreffen, weil sie meist agiler sind und mit der Unterstützung der Crowd auf größere Ressourcen zurückgreifen können. So entsteht ein “Commons”, also ein Gemeingut/Allmende, das alle gemeinsam pflegen und von dem alle profitieren. Ein ähnlicher Ansatz, in Bezug auf Software statt Information, wird von Open-Source-Communities verfolgt. Wir unterstützen und glauben an diese Philiosophie.

Daher glauben wir, dass bisherige Nachhaltigkeitsbewertungslösungen (siehe Vergleich) nicht ausreichen, weil ihnen dieses wichtige Prinzip fehlt. Entweder werden Informationen und Bewertungen nur von einer kleinen Gruppe Experten zusammengetragen wie bei Questionmark oder WeGreen (bereits offline). Andere Plattformen wie WikiRate können zwar gemeinschaftlich bearbeitet werden, sind aber auf Grund der Komplexität eher nur für Experten zugänglich.

Das Viridian-Projekt verfolgt einen Ansatz, der neben Wikipedia stark von StackOverflow beeinflusst ist. Je nach Interesse und Wissen können die User entweder sehr tief einsteigen und detaillierte Informationen eingeben oder sich nur die relevantesten Informationen ansehen und sie mit Upvotes/Downvotes annehmen oder ablehnen. So kann man auch dann noch mit der Plattform interagieren, wenn man nur wenig Zeit oder Wissen hat. Dadurch wird die Plattform für eine breite Zielgruppe zugänglich und erhält eine demokratische Legitimierung gegenüber einer rein expertenbasierten Plattform.

Ein gesellschaftlich so wichtiges Thema wie die Nachhaltigkeitsbewertung und Inkludierung externer Kosten sollte nicht von Einzelinteressen gelenkt sein und daher bietet sich das Crowd-basierte Wikipedia-Prinzip an. Mit dem Viridian-Projekt wollen wir die Zivilgesellschaft ermächtigen, die Datenhoheit über die Nachhaltigkeit der Wirtschaft selbst in die Hand zu nehmen. Dadurch würde sich das Machtgefälle zwischen Unternehmen und Konsument*innen etwas zugunsten der Konsument*innen verschieben.

Warum dezentral?

Das Viridian-Netzwerk soll dezentral organisiert sein. Das heißt, es soll keinen zentralen Server geben, auf dem allein die Daten gespeichert sind und der von einer einzigen Organisation betrieben wird. Stattdessen sollen die Daten auf mehrere Teilnehmer des Netzwerks (Knoten) verteilt sein.

Wir glauben, dass Dezentralität wichtig ist, bzw. dass zu viel Zentralität schlecht ist. Nach dem belgischen Ökonom Bernard Lietaer glauben wir, dass zentralisierte Systeme zwar hocheffizient sein können, aber nicht sehr resilient sind. Daher gilt es, eine Balance zwischen den beiden zu finden. Unsere heutige Welt wird aber zunehmend von zentralistischen Systemen dominiert: in der Wirtschaft teilen häufig eine Handvoll Konzerne fast den gesamten Markt unter sich auf und können ihn dadurch beeinflussen. Oft zum Leidwesen von Verbrauchern, Arbeitern und Umwelt.

Zwar löst ein dezentrales Viridian-Netzwerk diese Probleme nicht wirklich (obwohl die negative Bewertung großer Konzerne indirekt Einfluss nehmen könnte). Jedoch wird es bei einem System, dessen Bewertungen irgendwann über Wohl und Wehe von Betrieben entscheiden könnten, wichtig sein, Missbrauch zu verhindern, der durch Zentralität stark vereinfacht wird.

Dezentralisierung kann auf mehreren Ebenen, bzw. in mehreren Bereichen stattfinden. Im Artikel “The Meaning of Decentralization” unterscheidet Vitalik Buterin, der Gründer von Ethereum, v.a. zwischen physischer Dzentralisierung (wie viele physisch getrennte Rechner betreiben das Netz?) und politischer Dezentralisierung (wie viele Personen oder Organisationen kontrollieren diese Rechner?). Buterin nennt weiter drei wichtige Vorteile von Dezentralisierung, von denen die ersten beiden eher durch die physische, der dritte durch die politische Dezentralisierung zustande kommt:

  1. Fehlertoleranz, bzw. Ausfallsicherheit: Je mehr Knoten am Netzwerk teilnehmen, umso unwahrscheinlicher wird es, dass so viele Knoten gleichzeitig ausfallen, dass davon das Netz zum Erliegen kommt. Im Gegensatz dazu kann es in zentralisierten Systemen einen “Single Point of Failre” geben. Selbst wenn die Last auf mehr als einen Rechner verteilt wird: Das System bricht zusammen, wenn alle Server in unmittelbarer Nähe stehen und es einen Brand, einen Stromausfall o.ä. gibt.
  2. Angriffsresistenz: Je verteilter das System ist, umso schwieriger wird es, auf das Netz von außen Einfluss zu nehmen (z.B. es zu “hacken”), da man den Angriff auf viele oder alle Knoten gleichzeitig ausführen müsste.
  3. “Klüngelresistenz”: (engl. “collusion resistance”, “collusion” = “geheime Absprache”) Ein zentralisiertes System führt häufig zu einem Machtmonopol, das von den Inhabern dieser Macht zu ihrem eigenen Vorteil ausgenutzt werden kann. Ist die Macht jedoch auf viele Knoten verteilt, macht es das den Netzwerkbetreiber*innen schwerer, Kartelle zum Schaden der Allgemeinheit zu bilden.

Das Netzwerk sollte also von mehreren Akteuren betrieben werden, die durchaus unterschiedliche Interessen haben können und sich gegenseitig kontrollieren, bzw. gemeinsam das Netz sicher halten. Die Teilnahme am Netzwerk sollte prinzipiell jedem Interesierten offenstehen, um Cliquenbildung und Klüngel vorzubeugen. Es ist jedoch wichtig, dass nicht mehrere Knoten von derselben Person oder Institution kontrolliert werden, um Einflussnahme zu verhindern. Daher sollte im Gegensatz zu dezentralisierten Netzwerken wie Bitcoin auf Anonymität verzichtet werden, damit das Netz nicht über Unmengen von (teurer und ökologisch katastrophaler) Rechenleistung abgesichert werden muss. Bitcoin ist ja nur dadurch manipulationssicher, dass kein Individuum und keine Clique so viel Rechenleistung bezahlen kann, wie alle anderen (ehrlichen) Teilnehmer zusammen.

Warum Blockchain?

Einfach nur eine verteilte Datenbank?

Wir sind primär an einem dezentralen System interessiert, eine Blockchain muss es da nicht unbedingt sein. Wir haben uns daher verschiedene verteilte Datenbanken angesehen wie Apache Cassandra oder Elasticsearch. Am besten gefallen hat uns CouchDB, weil sie einerseits gut dokumentiert und andererseits sehr skalierbar ist, vom mobilen Endgerät bis hin zum Rechenzentrum. Außerdem kann CouchDB sogar mit temprären Offline-Zeiten umgehen und synchronisiert Änderungen einfach, sobald der Knoten wieder online ist. Das hat uns gefallen, denn die anderen Lösungen scheinen primär auf High-End-Rechner in Rechenzentren ausgelegt zu sein, die immer online sind.

Konsens und Fehlertoleranz

Trotzdem stellt sich auch bei CouchDB die Frage: Wie genau synchronisiert man die Knoten und stellt sicher, dass nicht ein bösartiger Teilnehmer einfach Daten ohne Erlaubnis verändert und diese Änderung ins Netz einspeist? Wenn man etwas recherchiert, landet man ziemlich schnell bei Konsens-Algorithmen, die sicherstellen, dass die verschiedenen Versionen der Datenbank konsistent sind und sich die (hoffentlich ehrliche) Mehrheit durchsetzt. Ein sicherer Konsens- Algorithmus sollte eine sogenannte “byzantinische Fehlertoleranz” (BFT, engl. Byzantine Fault Tolerance) aufweisen. Bei dieser Art von Fehlertoleranz können manche Knoten (bis zu 13) unzuverlässig bzw. unehrlich sein (sowohl ungewollt durch technische Fehler als auch gewollt), ohne dass dies Auswirkungen für das gesamte Netz hat.

BFT ist eine Kernkompetenz von Blockchain-Netzwerken, die darauf ausgelegt sind, in einem fehlerbehafteten Umfeld ausgeführt zu werden. BFT wird in einer Blockchain durch Proof-of-Work o.ä. Prinzipien hergestellt. Wenn man also eine verteilte Datenbank mit BFT-Replikation sucht, landet man fast unweigerlich bei Blockchains.

Außerdem hat eine Blockchain den zusätzlichen Vorteil gegenüber gewöhnlichen Datenbanktransaktionen, dass die Transaktionen ja in Blöcken zusammengefasst aneinander gekettet werden (über den Hash-Wert des Vorgängerblocks miteinander verknüpft). Die Verkettung führt dazu, dass Modifikationen in der Blockchain automatisch Modifikationen in allen späteren Blöcken notwendig machen. Es ist also aufwendig, die Chronik der Transaktionen im Nachhinein zu verändern. Bei Bitcoin wäre die Modifikation der Chronik durch den hohen Rechenaufwand von Proof-of-Work quasi unmöglich: Schon einen einzelnen modifizierten Block schneller abzuschließen als die Konkurrenz im Netzwerk ist extrem schwierig, geschweige denn auch noch in derselben Zeit alle nachfolgenden Blöcke. Ohne rechenintensives Proof-of-Work wäre es zwar nicht sehr aufwendig für einen Angreifer, trotzdem würde jede Modifikation sich bis zum aktuellesten Block auswirken und wäre sichtbarer als ohne Blockchain.

Blockchain-Frameworks

Wir haben uns verschiedene Optionen von Blockchain-Frameworks angesehen. Was wir auf keinen Fall wollen, ist die Nutzung einer Proof-of-Work-Blockchain wie Bitcoin oder Ethereum, da diese enorm viel Energie verbrauchen (siehe hier). Eine Option sind Delegated-Proof-of-Stake-Blockchains wie EOS oder Loom, die uns aber recht kompliziert erschienen und außerdem (wie Proof-of-Work auch) undemokratische Tendenzen haben, weil Knoten, die mehr besitzen (höherer Stake), mehr Macht bekommen.

Einen sehr guten Ansatz verfolgt FairCoin, wo Proof-of-Work durch Proof-of-Cooperation ersetzt wird. Alle Knoten sind gleichberechtigt und sichern gemeinsam demokratisch die Blockchain. Es handelt sich bei FairCoin aber nicht um ein beliebig erweiterbares Framework für Anwendungen auf der Blockchain, sondern nur um einen Fork von Bitcoin. FairCoin ist daher eher auf Finanztransaktionen ausgelegt und es würde sehr viel Aufwand bedeuten, damit ein soziales Netzwerk wie Viridian zu betreiben.

Exkurs: IOTA und der Tangle

Eine Interessante Alternative zu Blockchains ist IOTA, das statt mit einer Blockchain mit einem gerichteten azyklischen Graphen (engl. “Directed Acyclic Graph”, DAG), auch genannt “Tangle”, arbeitet. In gewisser Hinsicht handelt es sich um eine Verallgemeinerung der Blockchain, weil jede Transaktion einzeln validiert und mit anderen Transaktionen verkettet wird, anstatt viele Transaktionen zusammen blockweise. In einer Blockchain gibt es nur einen gültigen Strang von Blöcken mit Transaktionen, im Tangle dagegen gibt es viele parallel verlaufende Stränge, die ineinander verschlungen (“entangled”) sein können. Das interessante am Tangle ist die Philosophie dahinter: Während bei einer Blockchain die Knotenbetreiber, also die Miner, quasi eine kleine Elite sind und die Validierung von Transaktionen einer größeren Gruppe von Usern als (fast schon zentralisierte!) Dienstleistung anbietet, gilt beim Tangle das Do-it-yourself-Prinzip: Jeder User, der/die eine Transaktion abschickt, muss selbst zwei andere Transaktionen validieren. Das Mining wird sozusagen sozialisiert und es herrscht eine Art Reziprozität: wenn du eine Leistung willst, musst du erst mal selbst etwas leisten (anstatt wie beim Mining nur eine Gebühr zu bezahlen).

Wir haben uns letztlich doch gegen IOTA entschieden, v.a. weil der Tangle nicht darauf ausgelegt ist, große Datenmengen zu speichern und schnell abzurufen. Man müsste u.U. schauen, ob man den Tangle nur als Kommunikationsmedium benutzen kann, um eine Zustandsdatenbank, etwa eine CouchDB, fehlertolerant zu synchronisieren. Das wäre aber vermutlich mit großem Aufwand verbunden.

Hyperledger Fabric

Wofür wir uns aktuell entschieden haben, ist das Blockchain-Framework “Hyperledger Fabric” (HLF), das durch die Linux Foundation betreut wird. Es ist ein sehr modulares und anpassbares Framework für sogenannte “Permissioned Blockchains” oder “Consortium Blockchains”, im Gegensatz zu “Permissionless Blockchains” wie Bitcoin oder Ethereum. Das bedeutet, dass nicht jeder an dem Netzwerk als Knoten teilnhemen kann, sondern erst eine Erlaubnis braucht, die in der Regel mit einer Prüfung der Identität verbunden ist.

Dadurch kann ganz auf Proof-of-Work und Proof-of-Stake verzichtet werden, es gibt aber trotzdem Konsens-Algorithmen für die Fehlertoleranz. Aktuell unterstützt HLF leider noch keine BFT von Haus aus, sondern nur CFT (“Crash Fault Tolerance”). Das heißt, das Netzwerk ist vor dem Ausfall von Knoten geschützt, nicht aber vor der bewussten bösartigen Manipulation. Allerdings ist das auf Grund der Architektur von Hyperledger Fabric ein geringeres Problem als bei anderen Blockchains, da nicht ein Knoten alle Aufgaben übernimmt, sondern die Prozesse der Prüfung (“Endorsement”), des Sortierens (“Ordering”) und der nachträglichen Validierung (“Validation”) von Transaktionen auf verschiedene Knoten verteilt sind (siehe dazu auch das Fabric-Paper). Der Ordering-Service, der die Transaktionen nur in die Blockchain einfügt, unterstützt kein BFT, allerdings nimmt er die Prüfung von Transaktionen auch gar nicht vor. Ein Angreifer müsste also gleich mehrere Knoten kontrollieren, um sowohl die Prüfung, also auch die Sortierung und Validierung zu manipulieren.

Implementierungen von BFT in HLF sind derzeit in Arbeit (siehe hier und hier). Es gibt bereits ein von Dritten erstelltes BFT-Plugin (von der Universität von Lissabon), das man bei Bedarf nutzen könnte. Die Dokumentation von HLF sagt zu dem Thema, dass BFT ja in einem System, das zugangsbeschränkt (“permissioned”) ist und in dem ein gewisses Vertrauen vorhanden ist, prinzipiell ein geringeres Problem als in einem komplett offenen. Sollte Fehlverhalten auftreten, so ist auf der Blockchain genau dokumentiert, wer dafür verantwortlich war und kann vom Netzwerk ausgeschlossen werden. Der angerichtete Schaden könnte im Nachhinein behoben werden. Bei einem wachsenden Netzwerk, in dem sich die Knotenbetreiber immer weniger untereinander kennen, könnte das aber schnell lästig und gefährlich werden, falls Manipulationen lange unentdeckt bleiben.

Es bleibt zu prüfen, mit welcher Konfiguration HLF in Viridan optimal eingesetzt werden kann. Dies betrifft nicht nur die Konfiguration des Konsens-Algorithmus, also des sog. Ordering Service, sondern auch der anderen Komponenten von HLF, insebsondere die Peers, der Membership Service Provider und die Certificate Authority. Da HLF so modular und generisch ist, gibt es viele Stellschrauben und Entscheidungen, die getroffen werden müssen. Dies ist Teil von Phase 3 des Viridian-Projekts (siehe Timeline).

Eine Alternative zu Hyperledger Fabric, auf die man eventuell wechseln könnte, ist BigchainDB, die auf Tendermint aufbaut und MongoDB (anstatt CouchDB) verwendet. BigchainDB bzw. Tendermint unterstützt BFT. Wenn es zudem einfacher zu konfigurieren und warten ist als Hyperledger Fabric, könnte es eine gute Alternative sein.

Verbraucht die Blockchain nicht unglaublich viel Energie?

Es stimmt, dass die Netzwerke von Permissionless Proof-of-Work-Blockchains enorme Energiemengen verschlingen. Dies wird für Bitcoin und Ethereum sehr anschaulich dargestellt auf https://digiconomist.net/bitcoin-energy-consumption: Bsp. ca. 50 - 70 TWh/a, das ist etwa so viel wie der Stromverbrauch mancher europäischer Länder.

Allerdings ist die Blockchain selbst nicht für den hohen Energieverbrauch verantwortlich. Die Blockchain ist nur eine Aneinanderreihung von Blöcken, die jeweils Daten enthalten (meist Transaktionen, bei Bitcoin etwa Überweisungen von Bitcoins). Jeder Block besteht aus den Daten und einem Hashwert der Daten. Der Hashwert ist im Grunde einfach eine große Zahl, die immer gleich groß ist, egal wie groß die Datenmenge ist. Sie ist wie eine Art Fingerabdruck. Ändert sich auch nur eine Kleinigkeit in den Daten, ergibt sich ein vollkommen anderer Hashwert. Die Blockchain wird dadurch zur “Kette”, dass jeweils der Hashwert des vorherigen Blocks zu den Daten des neuen Blocks hinzugefügt wird. Dadurch hat auch dieser Hashwert Einfluss auf den neuen Hashwert. Ändert man die Daten in einem Block, verändert das ja seinen Hashwert. Weil der Hashwert auch Teil des nächsten Blocks ist, wird auch sein Hashwert verändert und so weiter. Dadurch wird die Blockchain relativ stabil: Daten lassen sich nachträglich nicht ändern, ohne alle nachfolgenden Blöcke mit zu ändern.

Wettrüsten der Rechenpower: Proof-of-Work

Woher kommt jetzt der hohe Stromverbrauch? Von der Erstellung der Blockchain selbst eigentlich nicht: Um neue Blöcke zu erstellen, muss man einen neuen Hashwert berechnen. Das geht sehr schnell und verbraucht so gut wie keinen Strom. Schon als Bitcoin im Jahr 2009 geschaffen wurde, konnten mit Standard-CPUs 1 bis 25 Millionen Hashwerte pro Sekunde berechnet werden. Das bedeutet aber auch, dass es ziemlich leicht ist, selbst eine Blockchain mit Millionen von Blöcken nach Belieben zu modifizieren und alle Hashes neu zu berechnen.

Daher wird bei Bitcoin eine zusätzliche Hürde eingebaut: Es werden nur Blöcke akzeptiert, deren Daten eine Zufallszahl enthalten (die sog. Nonce), durch die der Hashwert kleiner als ein bestimmter Schwellwert wird. Was die Bitcoin-Miner tun, ist permanent Nonces zu erzeugen und den Hashwert zu berechnen. So lange, bis der Hash durch Zufall unter der Schwelle liegt. Wer es als erstes schafft, hat Glück gehabt und darf den Block abschließen. Als Belohnung erhält der Miner eine kleine Gebühr. Das Verfahren nennt sich Proof-of-Work, weil man für das Privileg des Block-Abschlusses beweisen muss, dass man Arbeit geleistet hat.

Das Blockchain-Netzwerk kontrolliert, wer das Recht hat, Blöcke abzuschließen. Denn dazu gehört zum einen die Prüfung, ob Transaktionen valide sind, ob z.B. kein Geld überwiesen wird, das bereits ausgegeben wurde (sog. “Double Spend”). Zum anderen die Entscheidung darüber, welche Transaktionen auf der Blockchain landen, und damit gültig werden, und welche nicht.

Bitcoin wird also dadurch abgesichert, dass man, um das Netzwerk zu kontrollieren, mehr Rechenleistung aufbringen müsste als alle anderen Netzwerkteilnehmer zusammen. Denn je mehr Rechenleistung, umso öfter darf man einen Block abschließen. Das Problem an der Sache ist, dass man auch öfter belohnt wird, wenn man mehr Rechenleistung besitzt. Das führt zu einem Wettrüsten der Rechenleistung und treibt den Stromverbrauch extrem in die Höhe. Man könnte denken, je höher die Rechenleistung ist, umso effizienter arbeitet das Netzwerk, weil Blöcke nun schneller abgeschlossen werden können. Das ist aber nicht der Fall. Der Schwellwert, unter dem der Hashwert liegen muss (die sog. “Difficulty”) wird regelmäßig der aktuellen Rechenleistung des Netzwerks angepasst. Je mehr Rechenpower vorhanden ist, umso schwerer wird das Rätsel, so dass es immer etwa gleich lang dauert (ca. 10 Minuten), bis ein Block abgeschlossen ist.

Bitcoin ist also extrem ineffizient. Millionen Chips berechnen parallel unnützes Zeug, nur damit am Ende einer von ihnen den Block validieren und abschließen darf. Eine Möglichkeit der Effizienzerhöhung wäre, dass sich die Knoten die Arbeit aufteilen und mehrere Blöcke parallel bearbeitet werden. Das ist aber mit der Struktur der Blockchain schwer zu vereinbaren. Eine andere Möglichkeit besteht darin, das rechenintensive Auswahlverfahren des blockabschließenden Knotens durch etwas anderes zu ersetzen. Beide Ansätze werden in Hyperledger Fabric umgesetzt.

Eine mögliche Lösung

Die naheliegendste Alternative zu Proof-of-Work ist ein einfaches Round-Robin-Verfahren des Block-Abschlusses: Alle Knoten des dezentralen Netzwerks sind nacheinander an der Reihe. Das Privileg des Block-Abschlusses wird einfach gleichmäßig auf alle verteilt. Bei Permissionless Blockchains wir Bitcoin ist das keine gute Option: anstelle von hoher Rechenpower wäre nun die Maxime eine hohe Anzahl teilnehmender Knoten. Wer die meisten Knoten kontrolliert, kontrolliert das Netz. Das würde den lediglich dazu führen, dass anstatt viel Strom viel Elektronik benötigt wird (jedoch würde es den Ressourcenverbrauch vermutlich schon senken, weil man existierende Elektronik verwenden könnte, die nebenbei weiterhin andere Tätigkeiten ausführen kann). Ein Problem, das auch schon bei Proof-of-Work vorhanden ist, bleibt bestehen: Wer viel besitzt, bekommt viel Macht (und Belohnung). Genauso ist es auch bei der von Ethereum und anderen Kryptowährung bevorzugten Lösung Proof-of-Stake: wer viel (Kryptowährung) besitzt, bekommt viel Macht über das Netzwerk. Das soll die Hürde für Missbrauch hochsetzen, hat aber nach wie vor Tendenzen zu einer Oligarchie.

Ein sinnvoller und einfacher demokratischer Ansatz wäre: Ein Mensch, ein Stimmrecht. Man könnte das Round-Robin-Verfahren einsetzen, zusammen mit der Beschränkung, dass jeder real existierende Mensch nur genau einen Knoten betreiben darf. Das entspräche in etwa dem Unterschied zwischen Aktiengesellschaften und Genossenschaften: in einer Genossenschaft hat jeder Anteilseigner genau eine Stimme, egal wie viel er/sie besitzt. In einer Aktiengesellschaft dagegen wächst das Stimmrecht mit den Anteilen (entspricht etwa Proof-of-Stake).

Der einzige Nachteil wäre die Aufgabe der Anonymität der Knotenbetreiber. Und das ist auch der Grund, warum die Anhänger von Bitcoin oder Ethereum diesen Ansatz niemals verfolgen werden. Es gibt jedoch die Kryptowährung FairCoin, die genau diesem Ansatz folgt.

Auch eine Permissioned Blockchain wie Hyperledger Fabric (siehe hier), die wir im Viridian-Projekt verwenden wollen, geht diesen sinnvollen Kompromiss ein. Der Verlust an Anonmyität, der nicht unbedingt mit der Aufdeckung der kompletten Identität verbunden sein muss (siehe hier), ist ein kleiner Preis gegenüber der enormen Einsparung von Ressourcen.

Dass Hyperledger Fabric viel effizienter arbeitet als Bitcoin und einen viel geringeren Ressourcenbedarf hat, zeigt das Paper “Hyperledger Fabric: A Distributed Operating System for Permissioned Blockchains”: Auf Seite 12 (Figure 7) sieht man die Transaktionsrate pro Sekunde als Funktion der CPU-Anzahl. Mit 4 CPUs werden ca. 1300 - 1500 Transaktionen pro Sekunde (tps) erreicht. Angenommen jede CPU hat bei Maximalauslastung einen (großzügig geschätzten) Vebrauch von einigen 100 W, ergibt das einen Vebrauch von rund 1000 W für 1000 tps, bzw. 1 W/tps (oder 1 J/Transaktion). Dies steht einer Bitcoin-Transaktionsrate von bis zu ca. 10 tps (siehe auch hier) bei einem Stromverbrauch von 50 - 70 TWh/a, also ca. 6 - 8 GW, gegenüber. Bitcoin hat also einen Energiebedarf von etwa 600 - 800 MW/tps oder 600 - 800 MJ/Transaktion. Das entspricht also dem 600 bis 800 Millionenfachen Verbrauch des Hyperledger-Benchmarks.

Auch wenn man aus Resilienzgründen vermutlich mehr als 4 Knoten im Netzwerk haben möchte, was den Verbrauch leicht erhöht, zeigen diese Daten, dass die Knoten erst bei deutlich mehr als 100 Transaktionen pro Sekunde ausgelastet wären und bei kleineren Raten wohl die meiste Zeit nur Ruhelast hätten. Wenn also die Zahl der Knoten und damit die Ruhelast nicht ins Unermessliche steigt, sollte der Energiebedarf in sehr vernünfitgem Rahmen bleiben und sich durch die Verwendung einer Blockchain nicht wesentlich erhöhen. Allerdings soll hier nicht unerwähnt bleiben, dass Hyperledger Fabric standardmäßig kein BFT verwendet und durch die Verwendung von BFT die Transaktionsrate etwas sinken und der Ressourcenbedarf etwas steigen könnte.

Warum müsst ihr die Identität der Netzwerkteilnehmer kennen?

Im Grunde brauchen wir die Identität unserer User und sogar Knotenbetreiber*innen nicht zu kennen. Es muss aber sichergestellt sein, dass sich eine real existierende Person nur einmal (oder höchstens ein paar mal) im Netzwerk registrieren kann, um Beeinflussung zu verhindern. Wir wollen keine Bot-Armeen, die die öffentliche Meinung verzerren oder gar bestimmen (siehe etwa 1, 2).

Es handelt sich um einen weiteren Kompromiss, den man eingeht: Man bewegt sich weg von dem komplett anonymen, vertrauenslosen, trotzdem durch Mining abgesicherten System von Bitcoin/Ethereum und geht ein Stück in Richtung herkömmlicher zentralisierter Systeme. Beispielsweise wäre es denkbar, dass man sich der zentralen staatlichen Instanz bedient und die Identität der User über den Personalausweis oder Reisepass prüft. Der Preis ist ein bisschen Verlust von Dezentralität/Autonomie, jedoch überwiegt der gewonnene Schutz vor Manipulation (und bei den Knotenbetreiber*innen der Verzicht auf energiehungriges Mining) den Preis aus unserer Sicht bei weitem.

Wir interessieren uns gar nicht für identifizierende Daten der User, noch nicht einmal deren Namen müssen wir kennen. Es würde vollkommen reichen, wenn wir ein eindeutiges Merkmal, bzw. nur einen Hash dieses Merkmals, abspeichern, um sicherzugehen, dass diese Person sich nicht mehr als einmal registrieren kann.

Mögliche Merkmale, die verwendet werden könnten:

  • Die Ausweis- oder Reisepassnummer. Praktisch wäre eine automatisierte und möglichst fälschungssichere Einlesefähigkeit der Nummer, z.B. mittels Bilderkennung von einem Foto des Ausweises. Es sollte möglichst kein Kartenlesegerät benötigt werden, das fast kein Bürger besitzt.

  • Automatische Gesichtserkennung. Biometrische Daten wie der Abstand von Augen, Mundwinkeln etc. können ausreichen, um ein Gesicht eindeutig zu identifizieren. Da nur der Hash dieser Daten gespeichert werden muss, gibt es keine Möglichkeit des Missbrauchs dieser Daten. Allerdings muss sichergestellt sein, dass die User wirklich ihr echtes Gesicht präsentieren und nicht etwa ein zufälliges Foto aus dem Internet oder ein von einer KI generiertes. Daher wäre ein Ausweisfoto, das man eher nicht online findet, vorzuziehen, vorausgesetzt, es lässt sich nur mit hohem Aufwand zufallsgenerieren.

  • Die Mobiltelefonnummer. Ein Bestätigungscode wird per SMS an diese Nummer gesendet, um zu beweisen, dass man über die Nummer verfügt. Zwar kann man mehr als eine SIM-Karte besitzen, dies ist aber i.d.R. mit Kosten verbunden und es ist unwahrscheinlich, dass eine einzelne Person über mehr als ein paar Telefonnummern verfügt. Leider ist auch der SMS-Versand mit Kosten für die Plattform verbunden.

Die E-Mail-Adresse wäre eine kostenfreie Alternative zur Telefonnummer. Es ist aber ohne Aufwand möglich, sich hunderte oder tausende Fake-E-Mail-Adressen anzulegen, sodass E-Mail keine Option ist.

Schlussbemerkung: Das System muss und kann natürlich nicht zu 100% sicher sein. Es muss aber ein ausgewogenes Maß an Sicherheit geben, sodass Missbrauch zwar nicht unmöglich ist (denn das kann kein System garantieren), aber aufwendig genug, so dass er nur selten stattfindet.